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Gefahr durch zweigeteiltes Sicherheitskonzept

Geländer überstiegen

Der Mitarbeiter stieg in die Anlage, ohne sie stillzusetzen. Er wurde vom Oberwagen der Schiebebühne tödlich gequetscht.
Der hintere alte Anlagenteil war nur mit einem Geländer gesichert. Dieses überstieg der Mitarbeiter vermutlich, um in den vorderen gesicherten Teil der Anlage zu gelangen.

D./Thüringen. – „Ich habe ein Geräusch gehört. Also bin ich zur Schiebebühne rübergelaufen, um zu schauen, was da los ist“, berichtet Maschinenführer Oskar Z. (42). „Und dann sah ich Leo unter dem beladenen Oberwagen liegen. Er rührte sich nicht mehr.“

Die Steinfertigungsanlage gab es schon über 20 Jahre im Betrieb. Sie ist in zwei Bereiche geteilt. Im vorderen Teil befördert eine Schiebebühne mit Oberwagen frisch verdichtete Betonsteine. Sie werden auf Unterlagsbrettern in Regale zum Aushärten gebracht. Im hinteren Teil werden die gehärteten Betonsteine dann weiter zur Paketierung befördert. Jeweils 14 Lagen werden gleichzeitig transportiert.

Als am vorderen Anlagenteil die Steuerung erneuert wurde, sicherte man den Zugang gleich nach aktuellem Standard – mit Gittern und elektrisch verriegelter Tür. Der hintere Teil blieb so, wie er war – ein Geländer dient als Bereichssicherung. An dieser Anlage begann Leo J. (34) morgens mit den vorbereitenden Arbeiten: Die Hydraulik musste warmlaufen. Die Trockenseite für die Produktion vorbereitet werden. Warum er sich entschloss, in die Anlage zu gehen, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Er muss im hinteren Anlagenteil das Geländer überstiegen haben, ohne die Anlage stillzusetzen. Maschinenführer Oskar begann seinen Dienst jedenfalls etwas später. Er war gerade dabei, die Mischungen und Steinmaße zu kontrollieren, als er plötzlich etwas rumsen hörte. Das Geräusch kam aus dem Bereich der Schiebebühne. Als Oskar seinen Kollegen reglos unter dem Oberwagen liegen sah, befürchtete er das Schlimmste. Sofort drückte er den Not-Aus-Schalter und leitete die Rettungskette ein. Doch Leo konnte nur noch tot geborgen werden.

„Vermutlich überstieg der Mitarbeiter das Geländer im alten Teil der Anlage.“

„Die Unfalluntersuchung zeigte, dass sich Herr J. im Gefahrenbereich der Schiebebühne bei laufendem Automatikbetrieb aufhielt“, so die zuständige Aufsichtsperson. „Über die Zugangstür im vorderen Teil kann er nicht hineingegangen sein, denn die Tür öffnet sich nur nach Anmeldung. In dem Fall wird sofort der Automatikbetrieb abgeschaltet. Deshalb ist davon auszugehen, dass er das Geländer im alten, hinteren Teil der Anlage überstiegen hat und von dort aus in den gesicherten Bereich gelangte. Was er an der Schiebebühne wollte, bleibt unklar. Eine Störungsmeldung lag nicht vor. Der Unfall macht deutlich dass das Schutzkonzept des hinteren Anlagenteils nicht den Vorschriften entsprach. Ein Geländer genügt nicht den Anforderungen an eine Bereichssicherung. Zukünftig wird das Geländer durch ein hohes Schutzgitter ersetzt.“

Kurz & knapp

  • Spontanes Handeln (wie das Übersteigen des Geländers in die Anlage) ist ein Umgehen von Schutzeinrichtungen – das bedeutet Lebensgefahr!
  • Bei Störungsbeseitigung, Reparatur- und Wartungsarbeiten ist ein Aufenthalt im Gefahrenbereich nur bei stillgesetzter und gegen Wiedereinschalten gesicherter Anlage zulässig.
  • Bei der Erneuerung eines Anlagenteils wurden die Anforderungen an die Bereichssicherung nur unvollständig umgesetzt.
  • Sicherheitsmängel, die bei Kontrollrundgängen auffallen, sollten dem Vorgesetzten gemeldet werden.

Kontextspalte

BAUZ 31, Seite 5

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