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Interview mit Helmut Ehnes, Leiter Prävention der BG RCI

„Wir brauchen jeden Einzelnen“

Helmut Ehnes, Leiter Prävention der BG RCI, erläutert im Interview, was die neue Präventionsstrategie „VISION ZERO. Null Unfälle – gesund arbeiten“ für Betriebe und Beschäftigte bedeutet.

„Vision Zero. Null Unfälle – gesund arbeiten“ heißt die neue Präventionsstrategie der BG RCI. Um das zu erreichen, müssen alle Beteiligten aktiv werden. Eine wichtige Rolle dabei haben die Mitarbeiter in den Betrieben. BAUZ wollte mehr dazu wissen und fragte nach bei Helmut Ehnes, Leiter Prävention der BG RCI.

Was ist die Vision Zero der BG RCI?

Ehnes: Vision Zero ist eine neue Präventionsstrategie. Sie verfolgt eine neue Zielrichtung. Frischer Wind für die Prävention, könnte man sagen. Die Unfallzahlen und Rentenfälle zeigen, dass noch mehr passieren muss als bisher. Wir sind davon überzeugt: Jeder Unfall lässt sich vermeiden. Derzeit sind wir noch meilenweit davon weg. Wir haben jedes Jahr ungefähr zwanzig tödliche Arbeitsunfälle und 20 tödliche Wegeunfälle. Also vierzig Familien, wo einer nicht mehr nach Hause kommt. Das muss sich ändern.

Und wie soll das geschehen?

Ehnes: Wir müssen Unfälle, Beinaheunfälle und Fehler noch besser und umfangreicher analysieren und daraus die richtigen Maßnahmen ableiten. Und wir müssen gezielter miteinander reden und voneinander lernen. Jeder Unfall hat ja nicht nur eine Ursache, sondern es kommen verschiedene Ursachen zusammen, sind miteinander verknüpft. Es geht aber nicht nur darum, mit einem neuen Blick Dinge gemeinsam zu analysieren und auszuwerten, sondern vor allem um die Menschen, um die Familien. Wir wollen eine neue Haltung bei allen Beteiligten schaffen. Dass nicht mehr nur gesetzlich Vorgeschriebenes befolgt wird, sondern dass es ein neues eigenverantwortliches Denken zum Thema Sicherheit und Gesundheit gibt.

Was heißt das für die Betriebe?

Ehnes: Allein verhindern wir keinen einzigen Unfall. Es geht nur mit den Betrieben zusammen. Wir haben einen Leitfaden für Führungskräfte entwickelt, in dem wir sagen, es gibt sieben Stellschrauben, an denen du im Betrieb drehen musst. Diese kurze, knappe Arbeitshilfe mit Checkliste gibt Impulse, was man tun muss, um sein eigenes Handeln zu hinterfragen. Außerdem ist uns der Austausch miteinander, das Voneinanderlernen wichtig. Wir werden nächstes Jahr zwei Vision Zero Erfahrungsaustausch-Treffen für Führungskräfte anbieten. Es gibt so viele gute Lösungen in den Betrieben. Nicht immer müssen es Best-Practice-Beispiele sein. Auch kleine Dinge können viel bewegen. Kopieren ist dabei äußerst erwünscht. Betriebe müssen außerdem ermöglichen, dass Mitarbeiter das sagen, was ihnen auffällt, dass sie sich trauen, Fehler und Mängel zu äußern, und dass der Raum für Gespräche da ist und für Verbesserungsmaßnahmen.

Und was ist für Beschäftigte wichtig?

Ehnes: Wir brauchen alle Beschäftigten. Alle, die in unseren Mitgliedsbetrieben tätig sind, müssen Vision Zero kennen, mitdenken, mithelfen, mit drüber reden, mit auf ihre Kollegen aufpassen. Für jeden  Mitarbeiter sollte die Einstellung wichtig werden: „Es geht um mein Leben. Meine Gesundheit. Meine Familie. Ich will sicher und gesund arbeiten, damit ich abends wieder gesund nach Hause komme.“ Dieses Denken wollen wir in die Köpfe bringen. Wir brauchen Leute, die aufeinander aufpassen und sagen: „Stopp jetzt! So geht es nicht! Bist du dir im Klaren, was da passieren kann? Dass es um dein Leben geht? Und das deiner Familie?“ Und die Führungskraft hat es vorher oft auch gesehen und nicht eingegriffen. Vision Zero will auch eine Kultur des Hinschauens anregen. Mit einander reden. Über Fehler reden, über Risiken reden. Nicht über Schuld.

Welchen Beitrag kann jeder Mitarbeiter leisten?

Ehnes: Für mich ist ein wichtiges Stichwort die Gefährdungsbeurteilung. Wie mache ich es sicher? Wie arbeite ich sicher mit anderen? Daraus muss man keine wissenschaftliche Abhandlung machen. Das geht kurz und knapp und konkret. Jeder sollte sich vor jeder Tätigkeit überlegen: Was kann passieren? Wo liegen die Risiken? Was würde es sicherer machen? Und es zur täglichen Arbeitspraxis machen. Am besten nicht allein, sondern gemeinsam im Austausch mit Kollegen. Vision Zero zu leben, heißt auch: Augen auf im Betrieb mit einem kritischen Blick für das, was man selbst macht, aber auch bei dem, was die Kollegen machen. Die Lebensretter-Tipps als Infokarte vorn auf der BAUZ-Zeitung geben dazu wichtige Hinweise.

Wie soll Vision Zero zukünftig umgesetzt werden?

Ehnes: Die Ziele von Vision Zero geben uns eine klare Orientierung: Wo müssen wir anpacken? Wie machen wir das? Was sind die Themen der Zukunft? Die Bandbreite in den Betrieben ist riesengroß. Es gibt die, die den gesetzlichen Minimalanforderungen nachkommen, und es gibt andere, die machen schon ähnliche Null-Unfall-Kampagnen und schaffen es über einen beachtlich langen Zeitraum, unfallfrei zu bleiben. Wichtig ist, dass Arbeitsschutz in Zukunft zu einem Erfolgsfaktor für Betriebe wird und dass Mitarbeiter sich in ihrer Berufswahl auch danach orientieren, ob die Unternehmen darin spitze sind.

Ist Vision Zero wirklich machbar?

Ehnes: Ist es in Ordnung, zu sagen, mit fünf Todesfällen sind wir zufrieden? Nein! Ich finde, es gibt gar keine Alternative zu Vision Zero. Unfälle und Erkrankungen müssen verhindert werden. Das ist unser Ziel für die Zukunft. Wir dürfen uns auf unseren bisherigen Erfolgen nicht ausruhen, sondern müssen uns kontinuierlich verbessern und daran glauben, dass es machbar ist. Dazu gibt es immer mehr gute Beispiele in den Betrieben. Und BAUZ hat ja in dieser Ausgabe auch schon einige zusammengetragen.

Kontextspalte

BAUZ 29, Seite 4, Schwerpunkt: VISION ZERO

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