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Fahrer überrollt Kollegen

Tot wie der Winkel

Die Illustration zeigt Ulrichs Position unmittelbar vor dem Unfall. Im Kreis sieht man den nach dem Unfall angebrachten, zusätzlichen Spiegel.
Die Illustration zeigt Ulrichs Position unmittelbar vor dem Unfall. Im Kreis sieht man den nach dem Unfall angebrachten, zusätzlichen Spiegel.

H. / Thüringen. Jedes Auto, ­jeder Transporter, jeder Lkw hat sie, die „toten Winkel". Blinde Stellen in der Rundumsicht, die kein Spiegel erfasst. Jeder Fahrer sollte das beachten. Und auch jeder, der sich draußen in der Nähe aufhält. Das ist die Botschaft eines Horror-Unfalls auf einer Baustelle im Thüringischen.

Ulrich W. (62), seit fast 24 Jahren Mischerfahrer eines Frischbetonwerks, hat mit einem Kollegen eine Lieferung zur Baustelle transportiert. Jeder ist mit seinem Fahrmischer vor Ort. Der Beton wird für den Neubau einer Brücke gebraucht. Die verkehrsreiche Straße führt in einer Behelfsschleife direkt an der Baustelle vorbei. Nicht ungefährlich. Damit sich kein Unbefugter in die Baustellenzufahrt verirrt, ist sie mit Absperrbarken blockiert. Wer raus auf die Kreisstraße will, muss die Barken erst zur Seite räumen – und dann gut aufpassen!
Ulrichs Fahrerkollege Adi R. (55) hat seine Mischertrommel geleert und will gleich wieder los. Ulrich muss noch warten, bis er an der Reihe ist. Also kann er sich auch nützlich machen. Er läuft zur Ausfahrt, gibt Adi, der loswill, ein Handzeichen, dass er sich um die Barken kümmert.

Außer Sicht
Ulrich nimmt die Absperrung zur Seite, bleibt links neben dem Lkw stehen, um sich zu verabschieden. Adi bedankt sich und winkt. Dann konzentriert er sich nur noch auf die Behelfsstraße: Denn dort fährt ein Auto nach dem andern, hoffentlich kommt er dazwischen. Irgendwann tut sich eine Lücke auf. Adi will seine Chance nutzen und lässt die Kupplung kommen. Als er losfährt, rumpelt plötzlich etwas unter ihm. Er tritt alarmiert auf die Bremse. In der Baustellenausfahrt liegt sein Kollege Ulrich, der sich nicht mehr bewegt. Denn Ulrich ist tot.

Heikle Ausfahrt
„Nach Aussagen von Augenzeugen ist Herr W. direkt vor dem Lkw entlanggegangen“, so der leitende Polizeibeamte. „Ausgerechnet an dieser heiklen Baustellenausfahrt." Vielleicht dauerte ihm das Einfädeln von seinem Kollegen zu lange. Vielleicht hatte er gesehen, dass es Zeit war, seinen Fahrmischer zu entladen. In jedem Fall begab er sich in den Gefahrbereich, ohne dass Adi es bemerkte. Dabei müsste jedem Lkw-Fahrer klar sein, wie groß dort der tote ­Winkel ist: Man sitzt im Führerhaus so hoch, dass man nicht sehen kann, was sich direkt vor dem Lkw befindet. „Herr R. musste darauf vertrauen, dass sein Kollege links neben dem Lkw stehenbleibt und seine Abfahrt abwartet“, so der Polizei­beamte.

Adis Firma hat auf den tragischen Unfall sofort reagiert. Es wurden Zusatzspiegel an den Außenspiegeln sämtlicher Fahrzeuge angebracht. Sie erfassen nun den toten Winkel, der Ulrich zum Verhängnis wurde.

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BAUZ Zeitung Seite 4

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