Inhalt

49-Jähriger rettet sich schwerverletzt 50m weit bis zum Ersthelfer

Arm ab-ge-ris-sen

Mit ungeheurer Willenskraft schleppte sich  Wilfried 50 m weit, bis ihn ein  Ersthelfer fand und versorgte.
Mit ungeheurer Willenskraft schleppte sich Wilfried 50m weit, bis ihn ein Ersthelfer fand und versorgte.

B./Hessen. Wilfried S. ist dem Tod entronnen. Und das mit einer ungeheuren Willenskraft. „Ich wollte die Antriebstrommel am Band kontrollieren. Bei Minusgraden friert dort öfter mal Wasser fest und das Gurtband rutscht durch. Mit meiner linken Hand bin ich dann wohl in die drehende, ungesicherte Antriebstrommel gekommen. Was genau geschah, daran kann ich mich nicht erinnern. Ich sah jedenfalls irgendwann auf dem Band einen Gegenstand ankommen. Erst Finger mit Hand und Arm und dann den Jackenarm. ‚Wo kommt der denn her?ʻ, fragte ich mich. Und dann schaute ich links an mir runter und erschreckte mich: Mein Arm fehlte.“

Lebensgefährlich:  Diese Auflaufstelle war  nicht gesichert, da das  Schutzgitter von Mitarbeitern  „aus praktischen Gründen“  entfernt wurde.
Lebensgefährlich: Diese Auflaufstelle war nicht gesichert, da das Schutzgitter von Mitarbeitern „aus praktischen Gründen“ entfernt wurde.

Schutzgitter? Stört doch nur!
Rückblick: Eiseskälte in Deutschland – eine schwere Prüfung auch für die Mitarbeiter und Maschinen in dem Kalksteinwerk. Wilfried S., SKW-Fahrer und Bediener einer Aufbereitungsanlage, und sein Kollege Hartmut T. (47) haben ein Auge auf die Transportbänder, die vom Steinbruch kommen. Durch den Transport des feuchten Gesteins bildet sich bei Frost manchmal ein Eispanzer auf den Antriebstrommeln. Das Gurtband rutscht durch – die Anlage ist blockiert. Wilfried und sein Kollege müssen solche Störungen beseitigen, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Zum Beispiel mit einem Gasbrenner. Weil das in diesem Winter oft vorkommt, haben irgendwelche Mitarbeiter das Schutzgitter gleich ganz abmontiert. Am Unfalltag rutscht mal wieder der Transportgurt durch. Wilfried bemerkt das als Erster, gibt Hartmut zu verstehen, er
würde den Gasbrenner holen. Dieser sieht noch aus der Ferne, wie Wilfried aus seinem SKW steigt und die Anlage hochklettert. Brenner und Gasflasche waren an der gegenüberliegenden Seite des Bandes abgestellt, wurden aber noch nicht von ihm benutzt.

Hier stand Wilfried, als ihm der Arm vom Förderband abgerissen wurde.
Hier stand Wilfried, als ihm der Arm vom Förderband abgerissen wurde.

50m Blutspur
Tatsache ist: Wilfried kommt mit seiner linken Hand der ungesicherten Antriebstrommel zu nah, wird bis zur Achsel eingezogen. Der Arm kugelt aus, reißt vom Körper. Alles innerhalb von Sekunden. Er wird durch die Antriebstrommel gezogen, vom Abstreifer des Untergurtes auf das nächstliegende Förderband geworfen und ca. 30m weitertransportiert. Erst als ihm sein eigener Arm entgegenkommt, realisiert Wilfried, was geschehen ist. Und dann beginnt das Unglaubliche: Mit dem Sprechfunkgerät setzt der schwerverletzte Wilfried zunächst einen Hilferuf ab. Der Not-Aus-Schalter wird von einem Mitarbeiter des Leitstandes sofort aktiviert. Dann zeigt Wilfried seine Entschlossenheit. Er verlässt die Unfallstelle, kämpft sich sogar eine Treppe hoch und schleppt sich 50m weit bis zum Brechervorplatz, hinter sich eine fürchterliche Blutspur. Dort wird er von einem herbeieilenden Kollegen gefunden und erstversorgt, bis die Sanitäter und schließlich auch der Rettungshubschrauber eintreffen. Wilfrieds Arm kann leider nicht gerettet werden.

„Unsere Mitarbeiter waren in verschiedenen Schulungen mehrfach zum Sicherheitsrisiko am Förderband unterwiesen worden“, so der Betriebsleiter des Unternehmens. „Dennoch wurden die Schutzmaßnahmen nicht konsequent beachtet. Nach Auffassung der Mitarbeiter war die Schutzeinrichtung besonders im Winter hinderlich, die häufigen Auftauarbeiten am Band durchzuführen. Eine gefährlich falsche Risikoeinschätzung, wie sich jetzt gezeigt hat.“

Kontextspalte

BAUZ Zeitung Seite 8

BAUZ kommt.

Weil soviel passiert, passiert jetzt was.