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Auch Chefs machen Fehler

Wenn dich die Halde frisst

Die Materialhalden des Kieswerks. Der Unfall ereignete sich ganz rechts.  60 Tonnen Material­ mussten abgetragen werden, um an den Abzugs­schacht zu gelangen und Hannes zu bergen.
Die Materialhalden des Kieswerks. Der Unfall ereignete sich ganz rechts. 60 Tonnen Material­ mussten abgetragen werden, um an den Abzugs­schacht zu gelangen und Hannes zu bergen.

U./Sachsen-Anhalt. Selbst erfahrene Männer unterschätzen schon mal die Risiken ihrer Arbeit.­ Ein ­tragisches Beispiel dafür ist Hannes A. (40). 24 Jahre lang, seit seiner­ Ausbildung zum Maschinen­schlos­ser, hatte Hannes schon in dem Kieswerk gearbeitet. Seit acht ­Jahren sogar als Betriebsleiter. Wer, wenn nicht er, hätte die Gefahr kennen müssen, die eine Halde mit laufendem Unterflurabzug birgt?

Mit schlechtem Beispiel voran
Am Unglückstag wartete ein Binnenschiff auf eine Kiesladung. Von der Freilagerhalde wurden 500 Tonnen Material über den Unterflurabzug angefordert. Der Kies wird über einen Abzugstrichter auf ein Förderband in einen Tunnel unterhalb der Halde gezogen. Um die Qualität der Lieferung zu sichern, gab Hannes die Anweisung, Verunreinigungen wie Hölzer und Schilf vom Kies abzusammeln – sowohl auf der Halde als auch am Förderband. Gegen Mittag kam Hannes zur Halde, um den Arbeitsablauf zu prüfen. Mit den Kollegen Hermann J. (37) und Horst C. (46) stand er um den Materialabzugstrichter herum auf dem losen Kies – während der Abzug unten weiterlief. Ein extremes Risiko.

Öffnung des Abzugs­schachtes, in den Hannes eingesogen wurde.
Öffnung des Abzugs­schachtes, in den Hannes eingesogen wurde.
Am Auslauftrichter oberhalb des Förderbandes war ein Fuß von Hannes zu sehen. Wegen der massiven Ausführung des Stahltrichters kamen die Helfer vom Abzugstunnel aus nicht an Hannes heran.
Am Auslauftrichter oberhalb des Förderbandes war ein Fuß von Hannes zu sehen. Wegen der massiven Ausführung des Stahltrichters kamen die Helfer vom Abzugstunnel aus nicht an Hannes heran.

Ein paar Minuten Todeskampf
Als Hannes auf Hermann zuging, begann plötzlich der Boden unter ihm zu schwanken: Kies wurde in den gähnenden Abzugsschlund gesogen und mit ihm Hannes. „Helft mir!, schrie er, doch der Sog ließ ihn nicht mehr los. Während Hannes mit Armen und Beinen ruderte, versuchte Hermann ihm zu helfen. Aber auch er geriet in den Sog. Horst stand weit genug weg. Geistesgegenwärtig rannte er los zum Förderband und riss die Not-Aus-Leine, um den Materialablauf zu stoppen. Zu spät für Hannes. Der war mittlerweile spurlos im Trichter verschwunden. Über ihm rund 60 Tonnen Kies. Hermann war bis zur Hüfte erfasst worden, stand aber noch.

Mit diesem Rad­lader­ wurde der  Abzugsschacht  freigelegt.
Mit diesem Rad­lader­ wurde der Abzugsschacht freigelegt.

Ihn konnte Horst mit vollem Schaufeleinsatz befreien. Im Tunnel dann ein Bild des Grauens: Hannes Fuß hing aus der Trichtermündung. Um an den Abzugs-trichter zu kommen, mussten zig Tonnen Material verschoben werden. Nach endlosen 40 Minuten konnten die Helfer nur noch Hannes Leiche bergen. Der Notarzt stellte Tod durch Ersticken fest. „Es ist nicht nachvollziehbar, warum der Betriebsleiter sich zwecks Abstimmung mit seinen Kollegen im Gefahrbereich des  Abzugstrichters aufhielt“, hieß es später im Unfallbericht. „Alle Beteiligten hätten das Füllgut auf der Halde nicht betreten dürfen, solange die Entnahmeeinrichtung läuft.“ Vor dem Betreten des Füllgutes hätte die Entnahme­einrichtung abgeschaltet und gegen ­Wiedereinschalten gesichert werden müssen.

Kontextspalte

BAUZ Zeitung Seite 5

BAUZ kommt.

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