Inhalt

Schlosser bastelt „Nachschlüssel“

Irre, oder was?

Immer wieder werden Sicherheitsvorrichtungen manipuliert. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Der Hammer: ein selbstgefräster Dietrich, der einen Sicherheitsschalter kurzschließt.

Wenn der „Nachschlüssel“ im Schalter (links) steckt, denkt die Anlage, die Tür sei geschlossen, und läuft weiter. Selbstgebaut – dieser Kunststoffgriff mit Bart wurde als Dietrich benutzt. (rechts)
Wenn der „Nachschlüssel“ im Schalter (links) steckt, denkt die Anlage, die Tür sei geschlossen, und läuft weiter. Selbstgebaut – dieser Kunststoffgriff mit Bart wurde als Dietrich benutzt. (rechts)

T./Niedersachsen. „Einfach unglaublich.“ Edgar B. (41) schüttelt den Kopf. In der Hand hält der Betriebsleiter eines Betonwerks den Beweis, dass Erfindergeist manchmal haarsträubende Wege geht. Der Kunststoffknauf mit eingeschraubtem Bart aus Metall ähnelt dem Entriegelungsstift bei Einkaufswagen. „Genau so einen“, empört sich Karl, „hatte ich schon vor Monaten sichergestellt!“ Seine Gardinenpredigt damals hatte nicht gewirkt.

In der Zwickmühle
Wenn Mitarbeiter Schalter manipulieren, ist nicht immer Faulheit oder marode Elektrik der Grund. Oft sitzen sie zwischen zwei Stühlen. Hier der Druck, dass die Produktion nicht abreißen darf. Störungen müssen blitzschnell behoben werden, sonst gibt es Ärger. Dort aber die Sicherheitsbestimmungen. Sie einzuhalten, kann Zeitverlust und Produktionsunterbrechung bedeuten. Außerdem spotten manche Kollegen, man sei ein Angsthase. Das macht sich nicht gut. Also bleibt die Sicherheit links liegen. Und Schutzsys-teme werden überlistet wie in diesem Betonplattenwerk.

Geschwindigkeit statt Sicherheit
Es musste mal wieder schnell gehen: In der Plattenpresse lösten Betonreste eine Störung aus, die Maschine ­schaltete sich ab. Achim E. (29) kannte das: Die Produktion stünde sicher fünf Minuten länger still, wenn er die Presse per Hauptschalter ausschalten, reinigen und später wieder hochfahren würde. Und dann die genervten Kollegen und Vorarbeiter … Aber es gab ja den Dietrich: einen Nachschlüssel mit nachgemachtem Passstück zum Sicherheitsschalter der Zugangstür – gebastelt von einem Betriebsschlosser. Normalerweise ist bei laufender Anlage die Tür zu und über ein Passstück mit dem Sicherheitsschalter verbunden. Öffnet man die Tür, wird das Passstück aus dem Schalter gezogen, der die Maschine zum Stillstand bringt. Doch genau das wollte Achim nicht. Er fischte den Dietrich aus seinem Versteck, steckte ihn in den Sicherheitsschalter. Die Maschine kriegte darüber die Information „Tür zu“ und lief weiter. Jetzt rein in die „Höhle“ und schnell mit der Druckluftlanze alles wegblasen … Da ein Zischen: Der Plattentransport lief an. Das Pneumatik-Ungetüm erfasste den jungen Mann und nahm ihn mit gewaltiger Kraft in die Zange. Rippen brachen, Milz und Lunge wurden massiv gequetscht. Es hätte noch schlimmer kommen können, wenn nicht zufällig ein Kollege aufgetaucht wäre und die Maschine blitzschnell abgestellt hätte.

Der Betriebsleiter Edgar B. ordnete Sonderunterweisungen für alle Mitarbeiter an. Für die Zugangstür gibt‘s eine elektronische, nicht ­manipulierbare Sicherung. Und es wird untersucht, wer wann bei welchem Schlosser den Dietrich beauftragt hat. Juristische Folgen nicht ausgeschlossen.

Kontextspalte

BAUZ Zeitung Seite 5

BAUZ kommt.

Weil soviel passiert, passiert jetzt was.