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Was Unfallchirurgen alles auf den Tisch kommt

Gerissen, gebrochen, zertrümmert

Komplizierter Unterschenkelbruch: Hier werden Schrauben und Ringfixateur befestigt.
Komplizierter Unterschenkelbruch: Hier werden Schrauben und Ringfixateur befestigt.

Ein Interview mit Prof. Dr. med. Phillip Lobenhoffer, Chefarzt der Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, Henriettenstiftung Hannover

BAUZ: Herr Lobenhoffer, Sie sind seit 20 Jahren als Unfallchirurg tätig. Wir möchten von Ihnen gerne wissen, welche Verletzungen durch Stolpern und Stürzen am häufigsten entstehen und wie diese Verletzungen behandelt werden?

Prof. Lobenhoffer: Das dramatische an vielen Arbeitsunfällen ist, dass oft schwere Verletzungen entstehen. So auch beim Stolpern und Stürzen. Der eine große Bereich sind die Knochenbrüche. Alles was verschoben, gesplittert oder komplizierter gebrochen ist, muss operiert werden. Der andere große Bereich sind die Kapselbandverletzungen, z. B. wenn jemand mit dem Fuß umknickt und sich die Außenbänder am Knöchel reißt oder das Knie verdreht und die Kreuzbänder im Knie reißen. Auch das wird operiert. Und zwar aus zwei Gründen. Das verletzte Körperteil soll beweglich bleiben und gleichzeitig stabilisiert werden. Es muss außerdem an der kaputten Stelle im Knochen die optimale Passform wiederhergestellt werden, damit keine Folgeschäden durch Abnutzung entstehen. Das ist gerade bei Gelenken ganz wichtig. Nehmen wir das Sprunggelenk. Jede Fehlstellung oder Stufe wird schnell zu einer schmerzhaften Arthrose führen, weil man ja die ganze Last des Körpers darauf trägt. Dann hätte der Verletzte schon nach einem Jahr solche Schmerzen, dass er nicht mehr rumlaufen könnte. Also wird das operiert.

BAUZ: Was braucht man denn, um eine gebrochene Stelle wiederherzustellen?

Prof. Lobenhoffer: Wir verfügen heute über eine Riesenpalette von Dingen, die wir verwenden können, um Brüche wiederherzustellen: Schrauben, Platten, Drähte, lange Marknägel, kleine Stifte aus Kunststoff, die sich auflösen. Man kann nicht sagen, dass es eine optimale Methode oder ein optimales Verfahren gibt. Das hängt davon ab, wie groß der Knochen ist, wo er liegt, wie man hinkommt. Man kann sagen, es ist so ein bißchen wie in der Feinmechanik. Man braucht halt sehr feine und sehr gut konstruierte Implantate, mit denen man den Patienten stabilisiert. Einerseits müssen die Implantate die Bewegungen mitmachen, andererseits sollen sie aber nicht behindern oder stören. Das ist heute die Kunst, das Richtige auszusuchen und das Richtige einzusetzen.

BAUZ: Und wie wird ein Bruch heutzutage operiert?

Prof. Lobenhoffer: Heute wird nicht mehr so operiert wie früher, dass man das Bein aufschneidet, den Knochen freilegt, ihn anschaut, in die Hand nimmt, einrichtet und an der benötigten Stelle dann eine Platte draufschraubt. Wir nutzen heute sogenannte minimal invasive Techniken. Also Techniken, wo wir das Gleiche machen aber viel weniger Weichteile aufschneiden und verletzten. Wir schieben Platten unter die Weichteile oder führen Drähte in den Markraum ein. Das ist heute eigentlich die Kunst der ganzen Knochenbehandlungen. Für die langen Röhrenknochen wie Oberschenkel und Unterschenkel werden Marknägel verwendet. Marknägel sind diese langen Stäbe, die man in den Knochen einführt. Das geht, wenn der Knochen innen einen Hohlraum hat. Der Marknagel wird praktisch nur durch ein kleines Hautloch eingeführt und dann in den Knochen vorgetrieben.

BAUZ: Wie finden Sie denn überhaupt den Knochen während einer Operation?

Prof. Lobenhoffer: Das ist eine andere Sache, die uns Unfallchirurgen sehr viel beschäftigt. Wie man sozusagen navigiert. Derzeit verwenden wir eine Röntgenmaschine. Das ist unser technisches Arbeitswerkzeug. Nur so können wir den Patienten durchleuchten. Man guckt während der Durchleuchtung, ob man an der richtigen Stelle ist und wenn das der Fall ist, bohrt man den Knochen an der Stelle auf – zwischen 12 und 14 Millimeter – und schiebt den Nagel rein. Die Durchleuchtung hat bestimmte Nachteile, wir müssen uns und die Verletzten ja gegen diese Röntgenstrahlung schützen. Dafür haben wir Schürzen an unter unseren Kitteln. Es ist gar nicht so einfach mit dieser riesigen Durchleuchtungsmaschine zu arbeiten. Sie ist unhandlich, und alles muss ja optimal steril sein.

BAUZ: Und wenn ein Bruch gesplittert ist? Was wird dann gemacht?

Prof. Lobenhoffer: Bei jüngeren Menschen kann man nichts Technisches einbauen, was die Qualität des Originals hätte. Bei alten Menschen setzt man Prothesen ein – Knieprothesen oder Schulterprothesen. Bei jüngeren Leuten versuchen wir auch einen gesplitterten Bruch wiederherzustellen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten: Man kann Knochen transplantieren, also ihn woanders wegnehmen und an der verletzten Stelle einbauen. Wenn alles gesplittert und zerborsten ist, muss man es wieder aufbauen. Wir nehmen z. B. aus dem Knochen im Becken etwas weg, da hat man genug Reserve. Man kann auch in kleinem Maße Knorpel transplantieren. Knorpel ist die Gleitfläche. Er ist extrem glatt. Bei Erwachsenen bildet sich Knorpel nicht nach, wenn er mal zerstört ist. Deshalb hat man mit der Gleitfläche oft ein Riesenproblem. Knorpelverpflanzungen kann man nur in Maßen machen. Man kann ihn da wegnehmen, wo er nicht so hoch unter Last steht, und dort hinbringen, wo er nötig ist. Es wird weiter daran gearbeitet, Knorpel zu züchten und dann wieder einzubauen.

Das Bein der Patientin drei Monate später.
Das Bein der Patientin drei Monate später.

BAUZ: Wie ist es mit offenen Brüchen?

Prof. Lobenhoffer: Offene Brüche sind ganz was Furchtbares. Wenn sich Schmutz und alles Mögliche in der Wunde befindet, sind die Knochen und Gelenke hoch infektionsgefährdet. Deswegen fordern die Berufs-genos-senschaft ja auch scharfe, hygienische Richtlinien für die Krankenhäuser und die Operationssäle. Also wer Knochen und Gelenke operieren will, der muss auch ganz bestimmte Vorschriften einhalten.

BAUZ: Wenn Kreuzbänder reißen, werden die auch ersetzt?

Prof. Lobenhoffer: Jüngere und aktive Leute werden bei Kreuzbandverletzungen in der Regel operiert, um das Gelenk stabil zu halten und möglichst auch volle Belastbarkeit wiederherzustellen. Das läuft heute unter dem Stichwort Kreuzbandersatz Also man ersetzt die gerissenen Kreuzbänder durch Sehnenstreifen, die man sich an einer anderen Stelle wegholt.

BAUZ: Und wo nehmen Sie die her?

Prof. Lobenhoffer: Da gibt es verschiedene Verfahren. Man kann einen Streifen aus der Kniescheibensehne nehmen. Da schneidet man einfach ein Stück raus. Es sieht ziemlich gewaltig aus, aber im Prinzip ist es nur ein kleiner Streifen. Das wächst schnell wieder zusammen. Man kann aber auch von der Innenseite des Gelenks her Sehnenstreifen wegnehmen. Die werden dann endoskopisch eingezogen. Das heißt, mit zwei kleinen Stichen von vier, fünf Millimetern Länge wird die Operation gemacht. Gelenke werden nicht mehr aufgeschnitten. Das ist weniger gefährlich und gibt weniger Infektionen. Gelenke sind ja normal abgedichtet gegen Luft. Da kommt kein Keim, keine Bakterie, nichts hinein. Wenn Gelenke eröffnet werden, man sie also aufschneidet, dann lässt man auch Luft, Staub und Partikel rein. Das ist schon ein Risiko. Gelenke sind extrem empfindlich. Sie können sich ganz schlecht schützen gegen Bakterien. Für die Patienten ist die Operationstechnik sehr schön, weil sie weniger Beschwerden und auch weniger Schmerzen haben. Auch die ganze Nachbehandlung ist wesentlich einfacher. Das Gelenk kann schneller und besser zuheilen und der ganze Bewegungsablauf ist viel weniger gestört.

BAUZ: Und wie können Sie sehen, was sie im Knie machen?

Prof. Lobenhoffer: Ganz einfach: In der einen Hand führe ich die Stablinse für die Optik, in der anderen Hand die Operationsinstrumente. Auf einem Monitor sehe ich dann alles, was ich mache. Das sind schon Welten, die sich in den letzten 20 Jahren Unfallchirurgie verändert haben.

Ein Kommentar von Prof. Dr. med Phillip Lobenhoffer

Nur das Beste

„Ich weiß nicht, ob den Versicherten das immer so klar ist, mit wie viel Liebe und Inbrunst bei einem Arbeitsunfall an ihrer Behandlung gearbeitet wird. Das, was die Berufsgenossenschaften ermöglichen, ist garantiert nicht selbstverständlich, sondern hoch entwickelt und spezialisiert. Die Berufsgenossenschaften haben den Anspruch, nicht nur das Notwendige, sondern das Beste für den Verletzten zu ermöglichen. Das ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich. Gerade im Bereich der Kassenärztlichen Versorgung müssen wir Unfallchirurgen das machen, was medizinisch notwendig und Stand der Technik ist – aber eben nur auf dem Level, der notwendig ist. Für die Berufsgenossenschaften machen wir das, was am besten für den Versicherten ist. Das ist schon ein Unterschied.
Bei einem Arbeitsunfall führt die Berufsgenossenschaft die Behandlung: Der Verletzte wird in ein Krankenhaus eingeliefert, das berufsgenossenschaftlich geprüft ist. Es gibt scharfe Kriterien, wer behandeln darf, und wer nicht. Als Unfallchirurg müssen Sie erst einmal die entsprechende Spezialisierung und Zulassung haben. Dann brauchen sie hoch qualifizierte Mitarbeiter und einen für die Operationen geeigneten OP. Es ist also nicht leicht, diese ganzen Kriterien zu erfüllen.
In der Unfallchirugie spielt die Rehabilitation eine Riesenrolle. Dieses Nachbetreuen durch Krankengymnastik, Bewegungstraining, Ergotherapie usw. hat oftmals einen großen Anteil am gesamten Behandlungserfolg. Die Berufsgenossenschaften gewährleisten dem Verletzten alles – auch wenn es lange dauert und egal ob stationär oder ambulant. Eine Knochenbruchheilung dauert z. B. zwischen 6 und 12 Wochen. Um die volle Funktion wiederzuerlangen braucht man nochmal zusätzlich Zeit, so dass es in komplizierten Fällen Monate dauert, bis die Heilung eingetreten ist.“

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BAUZ Zeitung Seite 8

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